Macht's gut und danke für den Fisch Sat, Mar 27. 2010
Holger zieht um, ich tue es auch. Unabhängig voneinander, mit ziemlicher Sicherheit aus anderen Gründen und mit gänzlich unterschiedlichem Ziel.
Ich fühlte mich bei supersized jahrelang äusserst wohl, aber der Zeitpunkt ist gekommen, neue Gefilde aufzusuchen und dem alten blog ein Ende zu bereiten. Diverse Beiträge konnte ich nicht in der von mir geplanten Form veröffentlichen, weil sie das Template des blogs zerrissen haben, wenn ich sie veröffentlichte (sieht man auch bei diesem Beitrag, aber hey… was soll’s?). Meine ersten Testläufe mit Wordpress haben diese Beiträge fehlerfrei angezeigt, ergo wird umgezogen.
Das neue blog könnt ihr hier finden, die werten Mitblogger müssten dann ihr blogroll aktualisieren.
Danke allen langjährigen schweigenden Lesern oder auch lautstarken Kommentatoren für eure Treue und Geduld. Vielleicht folgt mir der eine oder andere ja zu meinem neuen Spielplatz. Ich jedenfalls würde mich freuen.
Mir bleibt nur noch eines: den Vorhang fallen zu lassen und ein letztes Video zu posten. Schönen Gruss und auf Wiedersehen.
Fault Lines: Werkschau Tim Powers II Wed, Mar 10. 2010
Das ist der zweite Teil der Vorstellung von Tim Powers Romanen. Der erste Teil befindet sich hier.
Steigen wir direkt ein und widmen uns den wohl einzigen Romanen, welche eine gemeinsame Welt beschreiben und deswegen auch eigentlich immer in eine Trilogie gefasst werden, nämlich Last Call, Expiration Date und Earthquake Weather, zusammen die Fault Lines- oder manchmal auch Fisher King-Trilogie. Gemeinsame Welt bedeutet hier, dass sich Ereignisse aus den vorhergehenden Bänden in das abschliessende Buch Earthquake Weather hinein ziehen und Charaktere und Konzepte übernommen werden. Grundätzliche nämlich spielen alle hier besprochenen Romane von Powers eigentlich in der gleichen Welt, nur sind mit Ausnahme der Fault Line-Trilogie, alle Bücher in sich geschlossene Erzählungen und Situationen mit keinerlei Einfluss auf die restlichen Geschichten.
Last Call erzählt die Geschichte von Scott Crane und seiner erweiterten mythologischen Familie und ihrem Aufstieg zur "Königsfamilie" gegen den Widerstand seines biologischen Vaters, welcher diesen Posten mit dem Mord an Bugsy Siegel errungen hatte. Powers nimmt hier das Konzept des Fischerkönigs, welches er schon in The Drawing of the Dark verwendete, modernisiert es und erklärt damit die verborgene wahre Geschichte hinter diversen historischen Ereignissen. Cranes Vater ist durch eine Schusswunde nicht mehr in der Lage sich biologisch fortzupflanzen und nutzt die Macht der hinter den Tarotkarten stehenden Kräfte, welche Powers Archetypen nennt, um sich neue Körper durch eine Pokervariante im wahrsten Sinne des Wortes zu kaufen. Von beiden unbewusst und unbekannterweise (nachdem Crane im Kindesalter vom Vater getrennt wurde und beide sich lange Jahre lang nicht gesehen hatten) hatte Crane zwanzig Jahre vor Beginn der aktuellen Handlung seinen Körper an seinen Vater verloren und ist zu Beginn der Handlung "reif" zum Übernehmen durch den Vater. Zusammen mit seinem an Krebs erkrankten Nachbarn Arky, der sich Heilung durch eine chaotische Singularität hofft und auf der Suche nach einem "Chaosfaktor" auf Crane gestossen ist, versucht Crane verzweifelt, nicht nur sein Leben zu retten sondern auch das seiner Halbschwester Diana, in deren Charakter Powers Züge von Isis und eben Diana vereint, zu schützen, denn die Zeit vor der Übernahme neuer Körper durch Cranes Vater ist auch immer eine Zeit des erbitterten gekämpften Kriegs um den Thron des Fischerkönigs als König des Westens oder True King, wie der Archetyp in Unknown Armies heisst (Bonus-Link, weil die Seite epischer win und vollkommen awesomesauce ist, wenn auch eher für RPG-Mutanten interessant). Tim Powers ist nicht umsonst ein grosser Einfluss auf die Mythologie von Unknown Armies.
Expiration Date ist nur im erweitertem Sinne ein Sequel zu Last Call, ich bezeichne den Roman lieber als zweiten Anfangspunkt, denn ausser einer eher nebensächlichen Figur gibt es keine offensichtliche Verbindung zu Last Call. Geister sind real und werden von einer neuen Sorte Abhängiger inhaliert oder vielleicht eher assimiliert und die Geister berühmter Menschen bringen ein grösseres High. Als der elfjährige Koot Hoomie Parganas den Geist von Thomas Edison aus seinem psychischen Versteck, einer Dante-Büste, entfernt und von zu Hause wegläuft erschüttert das mythische Äquivalent eines Erdbebens die psychische Landschaft von Los Angeles. Peter Sullivan und Elizabeth Elizalde, welche beide durch eine "Schuldbindung" sensitiv gegenüber Geistern sind, kommen nach L.A. zurück um Buße zu tun, um nach Vergebung zu bitten und finden sich schnell inmitten der Jagd nach Edisons Geist wieder. Sullivan ist ausserdem noch auf einer Mission den Geist seines Vaters vor Loretta deLarava zu retten, die schon seit zwanzig Jahren versucht, sich eben jenen Geist einzuverleiben. Powers vermischt hier wieder mal virtuos Aspekte von santerìa (oder vielleicht genauer curandero) mit der persönlichen Historie von Edison (und Houdini) und interessanten radio-technischen Erklärungen von Geisterphänomenen. Oh, und Alice-Zitate. Jede Menge Alice-Zitate.
Earthquake Weather führt die handelnden Personen und auch die Erzählstränge der beiden vorhergehenden Bücher zusammen und leitet die Trilogie zu ihrem Abschluss. Scott Crane, der König des Westens, ist trotz seiner magischen Schutzbarrieren ermordet worden und Koot Hoomie ist einer der möglichen Nachfolger. Arky Mavranos und Diana Crane suchen Koot Hoomie und seine Adoptiveltern Peter und Angelica in L.A. auf, um sie um Hilfe bei der Wiederbelebung von Scott zu bitten. Wie in Last Call auch ist diese Übergangszeit ein Schlachtfeld von diversen Thronprätendenten (zu denen Koot Hoomie trotz seiner Unwilligkeit das Amt zu bekleiden ja auch zählt) doch dies ist nicht der einzige Grund zur Eile. In Abwesenheit des (gutwilligen) Königs schleicht sich langsam Chaos in die geschaffene Ordnung und eine Veränderung der Wetterlage mit einhergehenden Umweltkatastrophen (unter anderem Erdbeben, daher der Titel) wäre die Folge. Kootie könnte Cranes Geist zwar in sich aufnehmen, aber nach seiner Erfahrung mit Edison steht er diesem Vorschlag verständlicherweise eher ablehnend gegenüber.
Cranes Mörderin hingegen, Janis Plumtree, ist wegen multipler Persönlichkeiten in eine Irrenanstalt eingeliefert worden und ihr Wunsch nach Wiedergutmachung wird nicht nur dadurch erschwert, sondern auch durch Dr Armentrout, einem Psychiater der weniger an der Genesung seiner Patienten interessiert ists, sondern eher daran, deren Persönlichkeiten zu assimlieren (wodurch wir wieder einen Bezug auf Expiration Date haben). Erschwerend kommt noch hinzu, dass eine der Persönlichkeiten (ein Avatar des Gottes Dionysus, der noch in anderen Personen auf sein Ziel hinarbeitet) auch Ansprüche auf den Thron des Königs erhebt und aktiv (so diese Personlichkeit denn aktiv ist) gegen Janis apologetische Ziele arbeitet. Powers schafft mit Earthquake Weather einen logischen und mitreissenden Abschluss der Fault Lines-Trilogie und man kann diese drei Romane zu Recht als sein bisheriges magnum opus bezeichnen.
Mit Declare hatte ich aufgrund der vertrackten und sperrigen Struktur des Romans beim ersten Lesen leichte Probleme, aber ein zweites Lesen ging schon sehr viel flüssiger. Angesiedelt in den Hochzeiten der Spionageäktivitäten des kalten Krieges und des zweiten Weltkriegs erzählt Powers eine geheime Historie um Andrew Hale, einen Oxford-Professor und unwilligen Geheimagenten. Hale verhinderte im Nachkriegs-Berlin des Jahres 1945 die komplette Übernahme der Stadt durch die Russen und scheiterte kurz darauf dabei, den Russen die Quelle ihres Schutzes am Berg Ararat und der Arche zu nehmen, Dieses Debakel quält ihn auch noch nach knapp zwanzig Jahren und so nimmt er den Auftrag, diese Operation mit dem Codenamen Declare im Jahre 1963 endlich zu vollenden, zwar widerwillg aber letztendlich doch an. Sein Gegenspieler ist Kim Philby, eine der Schlüsselfiguren im britischen Spionageskandal um die Cambridge Five. Hales gefährliche Reise führt in von Grossbritannien über die Türkei bis in das Herz des ideologischen Feindes, nach Moskau, wo er letztendlich persönliche Erlösung findet und das Kapitel Declare abschliessen kann. Das Spionagegenre bildet mit der mythologischen Komponente der djinn als Schutzmacht des kommunistischen Russlands zwar den meiner Meinung nach schwächsten Roman von Powers, aber diese Einschätzung stammt grösstenteils von der wie erwähnt recht sperrigen Struktur des Textes. Handlung und Action sind aber wie immer bei Powers äusserst packend.
Three Days to Never ist der bislang letzt Roman von Powers und eine Rückkehr zu alter erzählerischer Stärke. Im Jahr 1987 findet die sogenannte Harmonische Konvergenz statt und just dieses Datum sucht sich die Grossmutter von Frank Marrity aus, um zu sterben. Auf der Suche nach dem angelbich in ihrem Schuppen vergrabenen Gold findet Daphne, Franks zwölf Jahre alte Tochter, ein Videoband mit dem Film Pee-wees Grosses Abenteuer und sie nimmt das Band mit nach Hause, um es dort zu sehen. Es befindet sich allerdings nicht dieser Film auf dem Band, sondern unbekannter Streifen von Charlie Chaplin und dieser experimentelle Film, geladen mit psychlogisch mächtigen Symbolen, führt bei Daphne zu einem Ausbruch von Pyrokinese und bringt, wie in Expiration Date durch eine Erschütterung der psychischen Landschaft, diverse Gruppen auf die Spur der Marritys. Dieser Film steht nämlich in Verbindung mit einer geheimen Arbeit von Albert Einstein, die Zeitreisen ermöglicht und nebenbei auch die Auslöschung von Lebenslinien und dadurch die Änderung der Geschichte.
Die Marritys werden so zum Ziel einer alten europäischen Geheimgesellschaft und des Mossad, welcher eine schief gegangene Operation während des Sechstagekriegs erfolgreich mit Hilfe von Zeitreise wiederholen möchte. Im Gegensatz zu The Anubsi Gates postulliert Powers hier nämlich, dass Geschichte veränderbar ist. Handlungen in der Vergangenheit haben hier ein Konsequenz, die sich wellenförmig über die Zeit ausbreitet und ungeahnte Änderungen mit sich bringt, während das grosse Ziel der Handlung vorhersehbar ist (oder scheint). So wird die suspension of disbelief dann auch nicht übermässig beansprucht, wenn schliesslich auch noch ein gealterter Frank Marrity aus einer veränderten Zukunft auftaucht und versucht sein zukünftiges Leben wieder auf die für ihn richtige Bahn zu bringen. Dass der alte europäische Geheimbund und der Mossad sich einiger remote viewer bedienen ist dann allerdings nciht der Phantasie des Autoren entsprungen, sondern tatsächlich historischer Fakt.
Three Days to Never schafft dann für mich, was Declare nicht vermochte: eine auch beim ersten Lesen extrem eingängige Geschichte um Spionage und übsinnliche Phänomene zu erzählen. Es gilt aber wie für alle Romane von Powers (und Literatur im Allgeminene sowieso): man muss sich darauf einlassen. Für manchen wird die suspension of disbelief einfacher sein als für andere, aber um Powers richtig geniessen zu können muss man diese Leistung eben bringen. Und das ist eigentlich auch nicht zu viel verlangt.
Tim Powers ist einer meiner Lieblingsautoren und ich kann ihn eigentlich nur uneingeschränkt empfehlen, wenn man auch nur ein bisschen Interesse an (vereinfacht gesprochen) Urban Fantasy hat. Er ist sträflich wenig gelesen und läuft meiner Meinung nach leider unter Wert, aber Gerechtigkeit gibt es in einer literarischen Welt in der die masturbatorische Teen-Fan-Fiction der Sorte Twilight regelmässig die Bestsellerlisten anführt eben nicht. Da bleibt nur die Genugtuung, richtig gute Bücher gelesen zu haben.
Jabba-approved Thu, Mar 4. 2010
Where words fail, music speaks. Tue, Feb 23. 2010
Interessant, ich habe einen neuen Kreativmonat entdeckt. Jeden Februar läuft Fawm, der February Album Writing Month. 14 Lieder in 28 Tagen, das könnte ich schaffen. Aber dieses Jahr nicht mehr, ich bin leider etwas zu spät darauf aufmerksam geworden. Doch nächstes Jahr wird die Gitarre im Februar im Dauerbetrieb sein und Liedtexte zu schreiben ist mir auch in meiner semi-professionellen Musikerphase recht leicht gefallen. Damit habe ich dann drei Kreativprojekte pro Jahr, die mir mit einer Deadline richtig schön Druck machen. Ich freue mich.
Zwischenspiel: Happy birthday! Sat, Feb 20. 2010
Robert Altmann, Ibrahim Ferrer, Sidney Poitier, Brion James, J. Geils, Stefan Waggershausen, Walter Becker, Kurt Cobain, Lili Tailor, Laith Al-Deen, Ed Graham und alle anderen Geburtstagskinder: dies ist euer Tag. Und als Sammelgeschenk bekommt ihr das hier:
Fault Lines: Werkschau Tim Powers I Fri, Feb 19. 2010
Tim Powers ist seit geraumer Zeit und derzeit mal wieder mein bevorzugter Autor (ich stecke gerade wieder mitten in einem Powers-Marathon). Ich stecke in jetzt einfach mal in die Urban Fantasy-Schublade, auch wenn Bezeichnungen wie alternative Historie oder magischer Realismus vielleicht genauer sind. Aber ich will hier nicht Genreschubladen diskutieren, sondern die Werke dieses hervorragenden und doch (gerade in Deutschland) weitgehend unbekannten Autoren.
Beginnen wir mit dem ältesten Werk, das sich in meinem Besitz befindet, The Drawing of the Dark. Der Roman ist derjenige, der noch am ehesten in das herkömmliche Fantasy-Schema passt, bedingt durch das mittelalterliche Setting, ist aber nichts desto trotz historisch soweit korrekt, wie man es eben recherchieren kann. Die Handlung spielt zum grössten Teil im von den Türken belagerten Wien des Jahres 1529 und vereint Elemente der Artus-Sage (allen voran der Fisher King, der sich zu einem zentralen Bestandteil in weiteren von Powers’ Romanen mausern sollte) mit Bierbraukunst und einer überraschend schlüssigen (so man die suspension of disbelief durchführen kann) Erklärung, warum die Türken damals Wien (und dadurch den Rest des westlichen Europas) nicht einnehmen konnten. Man merkt dem Buch zwar durchaus an, daß es sowohl ein Frühwerk als auch eigentlich nicht in dieser Form geplant war, allerdings sind auch schon die Powers-typischen Elemente der detaillierten Beschreibung von Kämpfen (seine Fechterfahrung von der Uni zahlte sich nicht nur hier aus) und der rigorosen Beibehaltung von historischen Daten vorhanden.
Drawing of the Dark war ursprünglich Teil einer geplanten Serie (wie auch The Anubis Gates), nachdem die Veröffentlichung in dieser Form aber platzte, schrieb Powers den Roman zu seiner jetzigen Form um. Trotz seiner Schwächen (Powers hat hier noch nicht die stilistische Sicherheit, die er ab On Stranger Tides an den Tag legt) ist der Roman sehr gut zugänlich (vor allem wohl wegen seines Fantasy-kompatiblen settings) und ein guter Einstieg in die Welten von Tim Powers. Seine späteren Werke sind allerdings bei weitem stärker.
The Anubis Gates ist der zweite Roman, der aus der gescheiterten Serie hervorging. Nominell eigentlich eher der Science Fiction zu zu ordnen (wobei ich mich da auch nur an der Zeitreisethematik aufhänge) finden wir hier doch auch die mystischen und magischen Elemente wieder, die sich durch Powers’ gesamtes Werk zieht. Die schwindende Wirksamkeit (im wahrsten Sinne des Wortes) von Magie wird hier thematisiert wie auch erstmals Leben und Wirken der romantischen Poeten Englands (Coleridge und Byron in diesem Falle). Und im Gegensatz zu Drawing of the Dark finden wir hier erstmals Gegenspieler vor, die nicht nur in der Ferne agieren (in Wien gezwungener Massen), sondern tatsächlich auch im Roman in Handlungen und Worten beschrieben werden. Allein dadurch gewinnt The Anubis Gates schon gewaltig an Qualität gegenüber Drawing of the Dark.
The Anubis Gates folgt den Erlebnissen von Brendan Doyle, einem Experten über den obskuren (fiktiven) Poeten Ashbless, der von einem Industriellen angeheuert wird, bei einem Ausflug ins London des Jahres 1810 eine kleine Einführung zu Coleridge zu geben. Bevor er allerdings wieder den Sprung zurück in die Gegenwart von 1983 machen kann, wird er von Zigeunern entführt und strandet so alleine in der Vergangenheit. Gejagt von den schon erwähnten Zigeunern, einer mörderischen Gruppe von Bettlern unter der Leitung eines grotesken Clowns (deformierte Gegenspieler, beziehungsweise nicht normal gebaute Gegenspieler sollen auch in den späteren Romanen häufig vorkommen) und im Laufe des Romans noch von anderen Fraktionen schlägt er sich oftmals eher schlecht als recht durch das unfreundliche London und später auch Ägypten. Powers Protagonisten sind, das merkt man hier schon ganz deutlich, allesamt keine Helden, vor allem körperlich. Verletzungen der Charaktere sind im Laufe der Handlung eigentlich immer ein Thema, ungeschoren kommen seine Protagonisten nie davon (auch dieses Thema wird in den späteren Romanen immer wieder vorkommen).
On Stranger Tides stellt für mich persönlich einen der Höhepunkte von Tim Powers dar, was aber bestimmt auch an den Bestandteilen des Romans liegt. Piraten, die Karibik, Zombies und jede Menge Magie (Vodou und auch andere Traditionen) mixt Powers zu einem wahrhaft explosiven Cocktail, welcher schon in Buchform At World’s End aus dem Wasser bläst. Da ist es auch kein Wunder, dass Disney die Rechte am Roman gekauft hat, um Teile in den nächsten PotC-Teil zu übernehmen, welcher dann passenderweise ebenfalls On Stranger Tides betitelt ist. Das ist, neben meiner Forderung mal mit Ron Gilbert zu reden, eine hervorragend Idee um das Franchise qualitativ wieder zu verbessern.
Der Protagonist des Romans, John Shandagnac, findet sich auf seiner Reise auf die west-indischen Inseln, um das väterliche Erbe von seinem betrügerischen Onkel einzuverlangen, unvermittelt in einen Mahlstrom aus Piraterie, Magie und der Suche nach dem ewigen Leben (beziehungsweise ewiger Jugend) und sieht sich nicht nur mit dem wohl berühmtesten Piraten seiner Zeit, Blackbeard, sondern auch den loas konfrontiert. Aus reinem Überlebenstrieb schliesst sich Shandagnac, von da an Jack Shandy genannt, nicht nur den Piraten an, sondern lernt gezwungenermassen selbst genug der magischen Grundlagen und Vodou um nicht nur Kontakt mit den spirituellen Entitäten und den Jungbrunnen zu finden, sondern sich auch gegen seine Antagonisten zu wehren.
Powers läuft hier erstmals zur Höchstform auf und ereicht ein stilistisches und qualitatives Niveau, welches auch die folgenden Romane zum allergrössten Teil mühelos halten können. Im ersten davon, The Stress of her Regard, behandelt Powers zum zweiten Mal die literarische Epoche der engischen Romantiker. Michael Crawford muss am Morgen nach seiner Hochzeit entsetzt feststellen, dass irgend etwas seine Braut bestialisch ermordet hat und flieht, da er der offensichtliche Täter scheint, aus England. Er trifft vor seiner Flucht in London auf den Poeten Keats und lernt die ersten Fakten darüber, was ihm (und seiner ermordeten Braut) zugestossen ist. Er hat sich ohne sein Wissen in die Familie der Nephilim, einer äusserst faszinierenden Version von Vampiren, einverheiratet und seine kalte Braut (der meiner Meinung nach wirklich sehr gut passende deutsche Titel des Romans) ist eine äusserst eifersüchtige Herrin. Im weiteren Verlauf der Handlung trifft er noch auf so illustre Gestalten wie Byron (wieder mal), Shelley und dessen Frau Mary (ihr wisst schon, die Frankenstein-Autorin). Powers verquickt den Kampf der Poeten gegen die Vampire mit dem Freiheitskampf der Venezier gegen die Besatzungsmacht der Österreicher und hat auch hier wieder eine im Rahmen des Romans schlüssige Begründung für die Machtverhätnisse.
Das ist innovative Vampir-Literatur, ganz und gar unbefleckt von der sonst so typischen angst, die andere Werke des Genres durchzieht wie ein funkelnder Vampir die Nacht und auch weit entfernt von der schwülstigen Atmosphäre zum Beispiel eines Interview with the Vampire. Diese Vampire haben nur sehr rudimentäre menschliche Züge und Charakteristiken, sind sie doch schliesslich eine andere Spezies und in ihrer Extremform durchaus Lovecrafts Grossen Alten oder Älteren Göttern ähnlich.
Mit Stress of her Regard beende ich diesen ersten Teil der Werkschau und schliesse auch die Werke von Powers ab, welche in der entfernteren Vergangenheit spielen. Im nächsten Teil widme ich mich den in der Moderne spielenden Romanen, angefangen mit der Fault Lines-Trilogie, welche ich aktuell lese.
Japan: Superior, Part XIII - Spiel mit den Erwartungen Thu, Feb 18. 2010
Geht man als Konsument in ein Café so erwartet man im Normalfall bestimmte Normen. Man bestellt etwas und bekommt dies dann auch geliefert. Was aber passiert, wenn diese Normen subversiv geändert werden (und man als nicht japanisch sprechender Unwissender in dieses neue Paradigma gelangt) beschreibt dieser Artikel wunderbar. Zugegeben, für Cabel war dieses Erlebnis von positiver Natur, weil er sich nicht nur auf die fremde Kultur, sondern auch auf dieses Spiel mit den Erwartungshaltungen des Konsumenten eingelassen hat. Wäre jemand mit festgefahreneren Ansichten ins Ogori Café gekommen, ohne über die geänderten Regeln bescheid zu wissen, es hätte auch einen anderen Beitrag geben können, der von einer "13 Euro!"-Warte aus das ganze hätte analysieren können.
Als Geschäftsidee ist das natürlich nicht langfristig tragbar, aber wie man unter diesem Link (Google-übersetzt, aber das wichtigste kann man trotz allem rauslesen) sieht, war das Ogori Café wohl eine Art Kunst-Performance und eh nicht dauerhaft geplant. Ich persönlich kann ja mit den meisten Performances, von welchen ich weiss, nicht sonderlich viel anfangen, aber diese spezielle finde ich äusserst spannend. Hier wird nicht nur die Erwartungshaltung unterminiert, sondern gleichzeitig wird auch die Lupe darauf gerichtet, wie Menschen miteinander umgehen (Gottfried Helnwein hatte in seinen Aktionen Ende der Sechziger einen ähnlichen Blickwinkel, als er seine "bandagierten Kinder" (dargestellt von ihm selbst) als Stellvertreter für schutzlose, der Gewalt ausgesetzte Menschen setzt).
Böse Zungen könnten jetzt sagen, dass der Japaner an sich einfach eine Konsumdrohne ist, der klagelos alles annimmt, was ihm vorgesetzt wird, auch wenn er etwas anderes wollte. Das kann ich so aber nicht einfach glauben. Selbst wer kein control freak ist gibt nur äusserst ungern die Leitung seines Lebens ab. Die Angst vor dem Verlust von Kontrolle liegt so ziemlich jeder gewichtitgen Entscheidung, welche der Mensch so trifft, zu Grunde. Der Durchschnittsmensch fühlt sich einfach nicht gut, wenn andere für und/oder über ihn entscheiden.
Im Ogori Café gibt man diese Kontrolle über sich ab und grundsätzlich ohne bösartige Überraschungen (das schlimmste was passieren kann ist, dass man die vom vorherigen Besteller übernommene Erfrischung nicht mag). Im Ausgleich dafür bekommt man die Kontrolle über die folgende Person (dass es in Cabels Fall unwissentlich war, macht die Sache eigentlich noch spannender, auch wenn die Chance eines Missbrauchs dieser Kontrolle da natürlich nicht gegeben ist). In Japan klappte das scheinbar so gut, dass, zumindest in Cabels Bericht, niemand mit schlechter Laune das Café verliess.
Würde das auf diese Weise in Deutschland klappen? Ich fürchte nicht, es sei denn, die neuen Normen würden vorher nicht bekannt (was dann natürlich wieder Probleme mit dem uneingeweihten Kunden geben kann). Ansonsten wage ich zu behaupten, dass zumindest ein Teil nicht an das Wohlergehen des nachkommenden Menschen denkt, sondern eher daran, wie er demjenigen einen Streich spielen kann.
Vielleicht liegt der Erfolg des Ogori Cafés aber auch im Namen begründet. Wenn ich nämlich die Googleübersetzung nicht komplett falsch verstehe bedutet ogori gönnen. Und das klingt ja doch um einiges positiver als Café Hölle…
Breaking the blog Wed, Feb 17. 2010
Eigentlich sollte an dieser Stelle ein weiterer alberner Eintrag zu Japan und seinen Seltsamkeiten kommen, aber aus irgendeinem Grund verdoppelt Serendipity jedes mal den html-Code zum Einbetten von Objekten und stellt den Eintrag deswegen nicht korrekt dar. Eine weitere Sache die mich gerade hier stört. Das die Trackbacks schon seit geraumer Zeit abgestellt sind empfinde ich persönlich auch als Makel, aber daran kann ich nichts ändern. Wenn ich eine akzeptable Alternative gefunden habe (bestimmte Features von Serendipity möchte ich eigentlich nicht mehr missen), werde ich wohl umziehen mit dem blog. Oder doch auf dem eigenen Webspace hosten, hmmm… Stay tuned, für’s erste jedenfalls ändert sich wohl nichts.
Dude, you fugly. Mon, Feb 15. 2010
Holger ist ein böser Mensch, ein Verführer, ein virtueller Dealer. Ich war schwach und liess mich von ihm zu einer weiteren Serie bringen, welche ganz nett aussah und so besorgte ich mir die erste Staffelbox zu Supernatural. Aber was zuerst nach einer netten Monster of the Week-Serie aussah entpuppte sich nach kurzer Zeit als etwas viel grösseres. Dazu schreibe ich dann allerdings mehr, wenn ich die erste Staffel auch beendet habe.
Heute gibt’s dafür ein paar alberne Tests. Wurde ja auch mal wieder Zeit.
Und zum Abschluss noch was allgemeineres.
Will you let me go to hell the way I want to? - Deadwood, Staffel Eins Tue, Feb 2. 2010
HBO ist einer der amerikanischen Fernsehsender, der mehr als einmal einen Volltreffer in Sachen Serien landete. Neben Six Feet Under und Die Sopranos dürfte wohl Sex and the City die in Deutschland populärste Serie des Senders sei, aber auch die uns immer noch vorenthaltenen Serien wie z.B. Flight of the Conchords oder das frühe, in stark geschnittener Form damals auf Sat1 ausgestrahlte Tales From The Crypt (herausragend bösartig, damals wie auch heute), bringen nicht nur Unterhalung, sondern auch ein gerüttelt Mass an Qualität.
Gleiches gilt für Deadwood, ein Abgesang auf den alten Westen und die Chronik der Entstehung von Zivilsation aus dem Chaos einer gesetzlosen Gemeinschaft. Historische Personen wie Wild Bill Hickock, Seth Bullock und Al Swearengen bevölkern das Camp Deadwood zusammen mit fiktiven Charakteren und erzählen gemeinsam die Geschichte eines in der Entstehung begriffenen Örtchens und die Hindernisse, welche nicht nur die Stadt im Ganzen, sondern auch ihre Bewohner im Einzelnen überstehen müssen. Diese Mischung aus persönlichem und gesellschaftlichen Drama ist äusserst effektiv und spannend und in letzter Hinsicht auch überraschend emotional in Szene gesetzt.
Das Ensemble von Deadwood ist angefüllt mit gebrochenen Charakteren, niemand hier ist einfach nur gut oder einfach nur böse. Seth Bullock, nominell der Hauptcharakter der Serie, ist ein ehemaliger Marshall, welcher in Deadwood mit seinem Freund und Partner Sol Star einen Eisenwarenladen eröffnet und dabei ständig so unter Druck und Spannung steht wie ein Dampfkochtopf kurz vor der Explosion. Zu neunundneunzig Prozent der Zeit hält er sich allein durch Willenskraft zurück, so daß die Momente, in denen er tatsächlich seinen gewalttätigen Tendenzen nachgibt (oder nachgeben muss, um nicht zu platzen) ob ihrer Brutalität umso schockierender sind. Al Swearengen, Betreiber eines Bordells, Verteiler von Opium und kein wirklich netter Mann, ist eigentlich der große Gegenspieler von Bullock, zeigt aber durch Worte und Taten immer wieder seine Empathie dem Leiden anderer Gegenüber, auch und vor allem gegen Ende der ersten Staffel, wenn er sich des Problems mit Reverend Smith annimmt. Doc Cochran, wohl am ehesten ein Charakter, den man als einfach nur gut im moralischen Sinne bezeichnen würde, hat ebenso seine dunkle Seite wie Dan Dority, der Handlanger und Auftragsmörder von Al, äusserst sympathische Qualitäten hat. In Deadwood ist eben kein Platz für Cowboy-Romantik und schablonenhaft skizzierte Charaktere, hier spielt das wahre Leben (so wahr, wie es im Fernsehen eben sein kann).
Und auch, wenn, wie historisch korrekt, Männer die erste Geige in Deadwood spielen sind die weiblichen Charaktere keineswegs nur schmückendes Beiwerk. Trotz aller generell misogynistischen Tendenzen der Zeit und des Ortes (Suffragetten waren im Wilden Westen wohl eher selten), sind die Frauen von Deadwood vielleicht nicht unbedingt emanzipiert, aber dennoch allesamt starke und im Geiste unabhängige Personen. Angefangen bei der Hure Trixie, die Al immer wieder die Stirn bietet, körperlichen und geistigen Missbrauch in Kauf nehmend, überr Alma Garrett, Witwe und Besitzerin einer Goldader, die sich zumindest in der ersten Staffel im Männergeschäft des Goldabbaus durchsetzen kann zu Calamity Jane, die jenseits aller Konventionen lebt und von Robin Weigert mitreissend dargestellt wird. Und auch Jewel, eine behinderte Saloon-Hilfe in Swearengens Etablissement, ist kein hilfloses Mädchen und kümmert sich selbst um eine Erleichterung ihrer Lebensumstände.
Der Cast ist bis auf die kleinsten Rollen treffend besetzt, Timothy Oliphant gibt den Bullock sehr kompakt, Ian McShane stiehlt als Al Swearengen in so gut wie jeder Szene den anderen die Show, Brad Dourif gefällt als Doc Cochran wie eigentlich immer sehr gut (ich glaube ja, der Mann kann gar nicht schlecht spielen) und sogar die eher nebensächliche Figur des Reverend Smith wird von Ray McKinnon so packend dargestellt, dass sein fiktiver körperlicher und geistiger Zerfall (der historische Reverend Smith wurde auf dem Weg von Deadwood nach Crook City überfallen und ermordet) für den Zuschauer umso schmerzhafter anzusehen ist.
Deadwood ist keine klassische Westernserie, Fans der Ponderosa und der kleinen Farm dürften sich hier mehrfach entsetzt abwenden. Dies ist eine Serie für Erwachsene, vordergründig durch den inflationären Gebrauch von äusserst herber Sprache und eigentlich immer schockierenden, weil eben im klassischen Western unerwartet heftigen Gewaltszenen, aber tatsächlich und grundlegend eben durch die behandelten Themen, die sich von Gesetz und Rechtlosigkeit über Politik und der Suche nach Legitimität des Camps und den Wert eines Lebens im ausgehenden Zeitalter des manifest destiny ziehen. Wer sich darauf einlässt wird mit einer Serie belohnt, die auf ihre raue Art und Weise dann eben doch wieder irgendwo western-romantisch ist, auch wenn es die welke Romantik einer Grabrede ist.
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